Montag, 18. Juli 2016
>>weinen ist mir lieber als kotzen<< (1)
Ich bin krank. Krankgeschrieben, um genau zu sein. Ich habe Depressionen, sagt mein Arzt. Ich fühle mich aber nicht deprimiert. Vielleicht habe ich auch einfach nur eine andere Vorstellung davon, wie sich deprimiert sein anfühlen müsste. Ich fühle mich traurig. Nicht den ganzen Tag, eher schubweise. Ich möchte weinen, habe das Gefühl ich muss etwas heraus lassen. Und dann, in den trockenen Phasen bin ich ganz ruhig. Eher still. Totenstill, also innerlich. Als wäre plötzlich absolute windstille, und nichts in mir drin bewegt sich. Nichts fühlt sich irgendwie an, da ist nichts. Absolute leere. Und dann kommt es wieder. Die Welle, die Traurigkeit, die Wut, der Schmerz, die ganze Enttäuschung. Alles will raus.
Immerhin weine ich jetzt. Vor ein paar Tagen, als ich bereits merkte, das irgendetwas mit mir nicht stimmt - als würden in mir drin Gewitterwolken aufziehen - konnte ich noch nicht weinen. Ich merkte zwar, das mir das gut tun würde, aber da kam nichts. Statt dessen hatte ich Magenschmerzen, und mir war den ganzen Tag schlecht. Als würde sich mein Körper dazu entscheiden halt zu kotzen, wenn weinen schon nicht geht - hauptsache es kommt irgendwas raus. Weinen ist mir lieber als kotzen.

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Leider geht die Übelkeit jetzt, wo ich weinen kann nicht weg. Nun kommen auch noch Kreislaufbeschwerden und Angstzustände dazu. Sehr hilfreich, was mein Körper sich da einfallen lässt. Er will mir auf biegen und brechen eine Pause verordnen. Und nur für den Fall, das ich mich trotz Übelkeit und Kreislaufbeschwerden in der Lage fühlen sollte zur Arbeit zu fahren, erfand er nun vorsichtshalber die Angstzustände, die ich neuerdings immer dann bekomme, wenn ich in der Öffentlichkeit, also unter anderen, fremden Menschen bin. Das überfordert mich dermaßen, das ich mich momentan nicht in der Lage sehe, meinen einstündigen Weg zur Arbeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzulegen. Da ich mit Menschen arbeite und jeden Tag Beratungen durchführe, ist es momentan wohl eh nicht sehr sinnvoll zu arbeiten, da ich alle Stunde in Tränen ausbreche und mit bereits roten, angeschwollenen Augen und einem leicht verzerrten Gesichtsausdruck durch meine Wohnung schlurfe.

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Das alles hat in meinem Urlaub begonnen. Seit einem halben Jahr wartete ich auf diese Urlaubswoche, die ich dringend nötig hatte. Doch sobald ich zur Ruhe kam, und das Gefühl, das ich nun eine Woche lang nichts muss sich gesetzt hatte, brach ich in mir und mit mir zusammen. Und das Beste ist: es wundert mich nicht. Warum, ist egal. Fakt ist, das ich seit meinem zwölften Lebensjahr von einem verstörenden Ereignis ins Nächste geschlittert bin - angefangen mit der dramatischen, böse endenden Trennung meiner Eltern; über insgesamt vier mehr oder weniger langjährige Beziehungen mit eher speziellen Typen, die alle entweder ein Alkohol-, Geld- oder Drogenproblem oder alles drei hatten.

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Wieso ich immer auf den selben Typ Mann reingefallen bin, weiß ich nicht genau. Ich schiebe es einfach auf irgendeinen Teil der in die Zeit "Trennung meiner Eltern" fällt, das erscheint mir irgendwie logisch.
Äußerlich waren sich die vier Typen jedoch gar nicht ähnlich. Da hab ich schon rumprobiert.
Nun bin ich seit genau 8 Monaten und 4 Tagen single. Das ist Rekord. Ich war noch nie so lange single, seit ich meine erste Beziehung begann. Ich hangelte mich meistens von einer Beziehung in die Nächste. Kaum war mit A schluss, lernte ich B kennen. Nicht, das ich bewusst nach B gesucht hätte, es ergab sich nur immer so. Und ich hatte nichts dagegen. Ich konnte nämlich nicht gut alleine sein. Das machte mich wahnsinnig.

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Wenn ich mich nun selbst reflektiere kann ich das gar nicht mehr nachvollziehen. Ich schüttel den Kopf über mich selbst und erkläre mich für dumm, weil ich mir bisher nie diese Männerpause gegönnt hatte. Wovor hatte ich immer solche Angst? Vor dem Einbruch, den ich nun habe? Schon möglich. Doch ich genieße es. Ich will mit mir alleine sein, ich spüre das ich mit mir alleine sein muss. Ein Mann würde hier gerade nur stören. Viel zu lange habe ich die Leben meiner Partner gelebt. Immer habe ich mich angepasst, mich einfügen lassen, mich verändert - wenn auch nicht bewusst oder vorsätzlich. Aus Angst davor, nicht mehr geliebt zu werden, oder nicht "gut genug" zu sein habe ich mich in das Spiegelbild des jeweiligen Partners verwandelt, um eine Gemeinsamkeit heraufzubeschwören, wo eigentlich keine war. Über neun Jahre lang habe ich immer jemand anderen verkörpert, habe Menschen verletzt, habe mir selbst gesundheitlichen Schaden zugefügt, habe mich und andere belogen.
Aber das aller schlimmste ist: ich habe mich verloren.

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Ich habe inzwischen keine Ahnung mehr, wer ich eigentlich bin - ohne die Masken die ich trug, während ich mich wie ein Chamäleon von Beziehung zu Beziehung stahl - immer farblich an die Umgebung angepasst um nicht groß aufzufallen.
Ich habe keine Ahnung was meine Meinung ist. Was ich gerne mag. Was ich gut oder nicht gut finde. Was mich ausmacht. Welche Prinzipien ich habe. Was ich brauche. Was mich glücklich macht. Was ich will. Ich weiß nicht, wer in meinem Körper wohnt. Ist das nicht traurig? Kein Wunder, das der sich meldet.
Das ist also nun meine Aufgabe, der Sinn den ich hier gerade zu erfüllen habe, während morgen nun die zweite Woche beginnt, in der ich krankgeschrieben bin. Ich verbringe Zeit mit einer Person, die ich seit Jahren nicht gesehen habe - mit mir selbst.

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Meine pflanzlichen HappyEnd Tabletten sollten auch bald mit ihrer Wirkung beginnen, ich nehme sie seit vier Tagen. Vorher hatte ich welche, die mich vor lauter Nebenwirkungen eher zurückgeworfen haben.
Am Mittwoch habe ich meinen ersten Kennenlerntermin mit meiner eventuell zukünftigen Therapeutin. Ich bin schon gespannt auf die Person, die es sich zu Aufgabe machen will, mir bei der Suche nach mir selbst zu helfen. Die muss ganz schön Humor haben. Denn auch ich bemühe mich, jeden Tag einen kleinen Grund zu finden, der mich herzhaft lachen lässt. Auch wenn es momentan oft nur ein Lächeln sein kann.

:)

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